Dort helfen, wo es nötig ist

OBER-RAMSTADT - Elende Zustände und offenkundige Not: Dinge, die Wolfram Henkel nicht nur aus dem Fernsehen kennt. Als der ehemalige Berufssoldat 1999 mit Kameraden an das Auswärtige Amt in Mazedonien verlegt wurde, um dort die deutschen Hilfsmaßnahmen im Rahmen des Kosovo-Krieges zu koordinieren, hieß es: „Kümmert euch um die Flüchtlinge.“ Doch je mehr er dort die wertvolle Arbeit der Hilfsorganisationen beobachtete, umso stärker setzte sich eine Erkenntnis durch: „Das können wir besser.“

Der heute 59-Jährige will niemandem auf die Füße treten, wenn er das sagt. Doch der ganze organisatorische Überbau der helfenden Hände erschien ihm damals oft ineffizient. Und so gründete Henkel, als er zurück nach Deutschland kam, im Jahr 2000 gemeinsam mit zwei Kameraden den Verein „Kinderhaus Europa“. Das Ziel: Unbürokratisch direkt vor Ort helfen, in den meisten Fällen mit Sachspenden, immer mal wieder aber auch mit Geld, das in ganz konkrete Projekte investiert wird.

In Containern werden Spenden zwischengelagert

„Ich war dieses Jahr schon zwölf Mal in Polen, ungefähr fünf Mal in Bosnien und zwei Mal in Rumänien“, rechnet Henkel zusammen. Ungefähr 85 Vereinsmitglieder verteilen sich wie ein Netz in Europa, um Augen und Ohren offen zu halten, wo Hilfe nötig ist. Dafür vergeht fast keine Woche, in der Henkel nicht Sachspenden akquiriert und schon die nächste Tour plant. Spielzeug, Bekleidung, Betten, ganze Küchenzeilen – längst ist die Hilfe des Vereins nicht nur auf Kinder beschränkt. Wenn Henkel etwas Brauchbares – beispielsweise bei Haushaltsauflösungen – gespendet bekommt, dauert es meist nicht lange, bis die nächste Tour mit dem vereinseigenen 3,5-Tonner ansteht. Und bis es soweit ist, lagert er alles in zwei Lkw-Containern ein. „Wenn Geld gespendet wird, geht es immer über Mittelsmänner, die bei uns Mitglied sind“, ist sich Henkel sicher, dass ihre Hilfe ankommt. Das war schon in Bosnien-Herzegowina so, Mazedonien, Georgien, Iran, Polen, Rumänien und Kroatien.

Dabei konzentriert sich Henkel allerdings wieder zunehmend auf Länder in der Europäischen Union. Denn wer versuche, außerhalb zu arbeiten, müsse meist nicht nur umfangreiche Papiere vorlegen, sondern gleich noch ein paar Geldscheine dazu. „Wir haben jahrelang aus Bayern gebrauchtes Schulmobiliar bekommen und das nach Bosnien geschafft. Doch irgendwann dachte die bosnische Regierung, man kann daran Geld verdienen. Nicht mit uns.“

Wer Henkel zuhört, spürt, dass er Prinzipien hat. Sich aber genauso freuen kann, wenn die Reaktionen aus den Hilfsregionen wieder bei ihm in Ober-Ramstadt ankommen. Stolz deutet er auf ein riesiges ausgeschnittenes Herz, auf dem viele Kinder ihre Namen niedergeschrieben haben. Einfach so, um „Danke“ zu sagen.

Nicht vergessen wird Henkel auch ein großes Projekt an einer Grundschule im polnischen Osno Gorno. „Eine typische Dorfschule, aber sie war total verwahrlost.“ Das „Kinderhaus Europa“ organisierte gebrauchtes Mobiliar, Verputz und Farbe. Mittlerweile sei die Schule fast komplett neu aufgebaut, ein Engagement, das schon über Jahre geht.

Dass der Verein aktuell in München gemeldet ist, hängt mit der Entscheidung zusammen, ihn immer am Wohnort des Ersten Vorsitzenden anzumelden. Und doch ist Henkel so etwas wie das Herz des Vereins, das alle Abläufe in Bewegung hält. „Wir haben viele Unterstützer, die auch mal mitfahren und gar keine Mitglieder sind.“ Und doch braucht der Verein nicht nur Sachspenden und Geld für die Ärmsten in Europa. Auch Nachwuchs für die Vereinsarbeit wird dringend gesucht.

UNTERSTÜTZUNG
Wer die Arbeit des „Kinderhauses Europa“ unterstützen möchte, kann dies durch eine Sachspende (E-Mail an kinderhaus@kinderhauseuropa.de) oder eine finanzielle Zuwendung auf folgendes Konto: IBAN DE4 15086 4322 0000 0771 00. Ein Transport innerhalb von Europa zieht im Schnitt etwa 400 Euro an Kosten nach sich. Weitere Infos zur Vereinsarbeit gibt es unter www.kinderhauseuropa.de.

Hier haben wir Hilfe geleistet: Bosnien-Herzegowina Mazedonien Georgien Iran Polen Rumänien Kroatien Litauen